Griechische und lateinische Philologie
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Neulateinisches Kolloquium


Neulateinisches Colloquium
(Prof. Dr. Claudia Wiener, Prof. Dr. Wilfried Stroh)

Jacobus Balde SJ, Lyrica II (
ab lyr. 2, 39)


„Ein Monument dauernder als Erz und Pyramiden“ wollte der stolze Horaz mit seinen 4 Büchern Oden geschaffen haben. Nur drei neulateinische Dichter haben es gewagt, sich in diesen Wettlauf zwischen Horaz und den Pyramiden (der ja noch nicht entschieden ist), mit lyrischen Werken vergleichbaren Anspruchs einzuschalten: der deutsche „Erzhumanist“ Conrad Celtis PL (1459-1508), der polnische Theologieprofessor M. Casimir Sarbiewski SJ (1595-1649) und der als Rhetoriklehrer und Prediger renommierte Jakob Balde SJ (1604-1668). An technischer Gewandtheit dem Polen ebenbürtig, dem Deutschen überlegen, unvergleichlich aber durch seinen Humor und Einfallsreichtum, verschaffte er sich mit seinen 4 Büchern Lyrica (1643) sogar bei Protestanten den Ehrentitel als ein „Deutscher Horaz.“

Wir haben in den letzten beiden Semestern mehr als die erste Hälfte des zweiten Buchs gemeinsam gelesen und möchten die Lektüre mit lyr. 2, 39 fortsetzen: Der Enthusiasmus. In Coemeterio considerantis Mortem, ac functorum ossa aus dem Jahre 1640 ist vielleicht eines der heute noch bekanntesten Gedichte Baldes; Andreas Gryphius hat es in seinen "Friedhofsgedanken" bearbeitet (http://www.zeno.org/nid/20004924126). Der nicht weniger erstaunliche Enthusiasmus im Antiquarium der Münchner Residenz (lyr. 2, 43) wartet auf unsere Interpretation zusammen mit Baldes moralphilosophischen Reflexionen, die vom Gedanken an die Vergänglichkeit geleitet sind und auch satirische Kritik üben, etwa an der Astrologiegläubigkeit der Zeitgenossen. Gedichte voll persönlicher Anteilnahme, wie das Votivgedicht für Ferdinand Maria, den lang erwarteten Sohn des Kurfürsten, und der Nachruf auf Jacob Keller, den Rektor des Münchner Jesuitenkollegs, ergreifen unweigerlich ihren Leser. Die intensive Lektüre garantiert, dass wir Baldes eigenwillige Gedankenführung erkennen, die sich üblicher Topik und Zuordnung oft verweigert. Die Diskussion in der Gruppe hat sich dabei bewährt!Unser Balde-Colloquium gibt seit nun schon über 30 Jahren jedem interessierten Studenten Gelegenheit, out of the mainstream erstklassige und attraktive Literatur kennen zu lernen und sich eventuell ein eigenes, dankbares Forschungsgebiet zu erschließen. Gerade auch Anfänger sind willkommen. Niemand wird zum Übersetzen genötigt. Aber ECTS-Punkte können natürlich nach Rücksprache ggf. mit der erfolgreichen Teilnahme an der vorgesehenen Prüfungsform (i.d.R. Klausur) erworben werden.

Wir werden das Colloquium in der ersten Sitzung noch als Videokonferenz (Zoom) abhalten, um dann zu beraten, wie wir im Semester verfahren; eine Hybridlösung ist möglich. Angemeldete Teilnehmer erhalten eine E-mail mit der entsprechenden Anmeldungsmöglichkeit. Wer zusätzlich dazustoßen möchte, melde sich bitte bei:claudia.wiener@klassphil.uni-muenchen.de


Editionen:

Literatur:

  • Georg Westermayer, Jacobus Balde, sein Leben und seine Werke, München 1868 (Ndr. 1998)
  • Anton Henrich: Die lyrischen Dichtungen Jakob Baldes, Strassburg 1915
  • Martin Heinrich Müller, Parodia christiana. Studien zu Jacob Baldes Odendichtung, Zürich 1964
  • Eckart Schäfer: „Jacob Balde (1603-1668)“, in: ders., Deutscher Horaz. Conrad Celtis, Georg Fabricius, Paul Melissus, Jacob Balde. Die Nachwirkung des Horaz in der neulateinischen Dichtung Deutschlands, Wiesbaden 1976
  • Eckard Lefèvre (Hg.): Balde und Horaz, Tübingen 2002
  • Wilfried Stroh, Baldeana, München 2004
  • Thorsten Burkard u.a. (Hg.), Jacob Balde im kulturellen Kontext seiner Epoche, Regensburg 2006
  • Wilfried Stroh, „Balde, Jakob“, in: Literaturwissenschaftliches Verfasserlexikon (VL 17), Berlin /Boston 2019, 412-445
Literatur zu lyr. 2, 39:
  • Beate Promberger, Die „Enthusiasmen“ in den lyrischen Werken Jacob Baldes von 1643: Übersetzung und Kommentar, München (phil. Diss.) 1998, 113–139 [1300/FZ 14005 P965].
  • Jürgen Blänsdorf: „Spielerische Variation oder rettende Antwort? Baldes Friedhofsgedichte 'Lyrica' 2,39 und 'Sylvae' 7,8“, in: Eckard Lefèvre und Eckart Schäfer: Beiträge zu den „Sylven“ des neulateinischen Dichters Jacob Balde, Tübingen 2010, 145–169.
  • Andrée Thill: „Mort et Vanité dans le lyrisme de Jacob Balde (1604-1668) “, Revue des Études Latines 62 (1984) 326–343, Nachdr. in: A. Thill, Jacob Balde. Dix ans de recherche, Paris 1991, 135–153.

Sonstige Ausgaben und Sekundärliteratur sind zu erschließen über http://stroh.userweb.mwn.de/main7.html