Expertise
Rhetorik und Performanz
Projekt im Netzwerk: „Zwischen Karikatur und Erfolgsmodell: der Bruch mit Regeln der actio in Theorie und Praxis“
In der Antike gibt es detaillierte schriftliche Anweisungen zum Vortrag des Redners ab der Zeit der späten römischen Republik. Am ausführlichsten sind sie uns in der Rhetorica ad Herennium und in Quintilians Institutio oratoria überliefert.
Hier wird genau vorgegeben, wie Stimme, Mimik und Gestik des Redners richtig eingesetzt werden. Abweichungen von den Regeln werden einerseits klar als Fehler markiert und der Lächerlichkeit preisgegeben. Andererseits kann der Bruch mit Regeln der actio auch einen besonderen Effekt erzielen, der den Vortrag gerade erfolgreich macht.
Das Projekt geht der Frage nach, warum und nach welchen Kriterien Regelbrüche in der actio entweder als Fehler oder als Erfolg bewertet werden: Welche rhetorisch-technischen, sozialen und individuellen Parameter bestimmen, ob die Abweichung von der Norm kritisiert, akzeptiert oder gefeiert wird?
Dazu wird erstens die Darstellung von Regelbrüchen in den actio-Anweisungen analysiert: Welche Rolle spielen Normabweichungen für die Theorie des Vortrags? Wie und warum werden sie von den Autoren (v.a. Auctor ad Herennium, Cicero, Quintilian) präsentiert?
Zweitens werden actio-Regelbrüche konkreter historischer Redner untersucht, wie sie uns in den Rhetorik-Handbüchern, aber auch etwa über Redner-Beschreibungen in Ciceros Brutus zugänglich sind (insbesondere Antonius, Hortensius und Cicero selbst): Wann und wie bricht ein Redner Regeln über den Vortrag zu seinem Nachteil, unter welchen Umständen zu ihrem Vorteil?
Stimmen die Bewertungen des Regelbruchs in der Praxis mit denen in der Theorie überein?
Das Projekt knüpft damit an aktuelle Forschungsfragen zum Verhältnis von rhetorischer Theorie und Praxis an und leistet einen Beitrag zum besseren Verständnis der Aushandlung von rhetorischen und sozialen Normen in der späten römischen Republik und frühen Kaiserzeit.