Griechische und lateinische Philologie
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Peter von Möllendorff

Prof. Dr. Peter von Möllendorff

Universität Gießen, Gräzistik

Expertise

Antike Ästhetik; Theoriebildung

Projekt im Netzwerk: „Regelbruch und rhetorische Pragmatik im ‘rechten Augenblick’ (καιρός)“

Die Möglichkeit, Regeln zu brechen, setzt voraus, dass es allgemein bekannte, benennbare und akzeptierte Regeln, ja wohl auch ein Regel’werk’, jedenfalls ein Regel’system’ gibt. Im Falle der Rhetorik betrifft diese Voraussetzung zwei Dimensionen, zum einen den technischen, zum anderen den kommunikativen Aspekt.

Rhetorik ist in antiker Perspektive eine τέχνη (ars), als solche lehr- und lernbar, und, betrachtet man ihre Ausgestaltung, in der Tat eher prä- als deskriptiv. Es ist also möglich, jene Regeln zu brechen, und die rhetorische Disziplin fasst Regelbrüche wesensgemäß als ‘Fehler’ (vitia) auf, eben als Verfehlen einer Norm.

Da jene Regeln jedoch selbst kein Maximum definieren können, sondern gewissermaßen die Existenz einer ‘Normalität der rhetorischen Praxis’ im Sinne einer Erwartungshaltung seitens der Rezipienten suggerieren, lässt sich in ihrer pragmatischen Umsetzung auch der jedenfalls partikulare Regelbruch als absichts- und daher wirkungs- und bedeutungsvoll verstehen.

Mit einer solchen Strategie kann der rhetorische Praktiker im Sinne des von ihm verfolgten Redeziels (oder, literarisch, einer maximierten ästhetischen Wirkung) erfolgreich sein oder erst recht scheitern; so argumentiert beispielsweise Ps.-Longin mit Blick auf den genialen Praktiker in De Sublimitate.

Von der ars nicht erfasst, aber von allen Rhetorikern, angefangen wohl schon bei Pythagoras, spätestens aber seit Gorgias, als höchst relevant und über den Erfolg der Rede entscheidend angesehen ist das Ergreifen des ‘rechten Augenblicks’, des καιρός.

Damit ist im Grundsatz die Tatsache bezeichnet, dass der Redner die Erfordernisse der aktuellen Redesituation zu berücksichtigen hat, und zwar weniger grundsätzlich – das wird bereits durch die τέχνη ‘geregelt’ – als vielmehr spontan, weil sich viele der relevanten Faktoren unvorhersehbar ergeben.

Ist er hier zu einer – vom Regelwerk natürlich nicht erfassbaren, weil eben nicht normierten – Reaktion nicht in der Lage, also möglicherweise zu einer massiven Neuorientierung seiner Rede, vielleicht aber auch nur Setzung einer ungeplanten Pointe, kann er völlig untergehen; so geschah es etwa Cicero beim Vortrag seiner Rede Pro Milone.

Die Regeln, die hier zu brechen sind, gehören eher einem Netz sozialer Normen an: Der Redner muss hier abrupt gegen die Erwartungen sprechen, die sich seitens des Publikums an seine Person (Geschlecht, Identität, soziale Stellung etc.), den Gegenstand der Rede sowie an die Berücksichtigung eben jenes vielköpfigen und in seinen Ansichten und seinem Verhalten heterogenen und komplexen Publikums richten.

Das zu können, diesen Regelbruch intuitiv ‘richtig zu machen’ ist Teil rhetorischer Meisterschaft. Allerdings ist es für uns schwierig, diese ‘Stellen’ in den erhaltenen Reden nachzuvollziehen, denn sie gehören nicht in den schriftlichen Text, sondern in den Augenblicksvollzug, also in die Performance.

Auf der Spurensuche nach dem Gelingen und Scheitern, dem Treffen und Verfehlen des καιρός sind daher statt dessen rhetorisch-literarische Metatexte zu konsultieren: Poetiken, Autorviten, Hypotheseis, Anekdoten- und Apophthegmensammlungen, Lexikoneinträge, Scholien etc.