Expertise
Antike Schul- und Schaurhetorik, Ästhetik des Hässlichen
Projekt im Netzwerk: Die Declamationes maiores als experimentelle Bühne für Bruch und Neuverhandlung soziokultureller und ästhetischer Normen
Bei den Declamationes maiores handelt es sich um ein Corpus von 19 fiktiven Gerichtsreden, die fälschlicherweise Quintilian zugeschrieben wurden, aber wohl verschiedenen Autoren des 2. bis 4. Jhs. n. Chr. entstammen.
Seitdem sie in der philologischen Forschung nicht mehr als Hinterlassenschaften realitätsferner Schulrhetorik diffamiert, sondern als wichtige Zeugnisse öffentlicher Bildungs- und Unterhaltungskultur erkannt worden sind, haben sich neue Forschungsfelder zur Bestimmung ihrer literarischen Eigenart und ihrer gesellschaftlichen Funktion aufgetan – immerhin waren die Deklamationen über Jahrhunderte hinweg ein höchst populäres Medium der gebildeten Unterhaltung in elitären Zirkeln ebenso wie vor großen Publika.
Doch auch die derzeit favorisierte Deutung, wonach die Praxis der Deklamation innerhalb und außerhalb der Schulen ein römisches Wertesystem und eine Situationsethik vermitteln sollte, erscheint nicht auf alle überlieferten Deklamationstexte gut anwendbar.
Hier setzt das Projekt an: Es geht von der Beobachtung aus, dass einige Declamationes maiores eine weitaus experimentellere Bühne boten und nicht davor zurückscheuten, gesellschaftliche Normen und Erwartungen durch eine Rhetorik der Umkehrung, eine Ästhetik des Schrecklichen bzw. Ekligen und eine provokante Figurenkonstellation grundsätzlich in Frage zu stellen.
Indem scheinbar inferiore, Regeln brechende Akteure (wie z.B. ein kannibalischer Bürger oder eine mit Totengeistern verkehrende Ehefrau) als dezidiert sympathisch und moralisch überlegen gezeichnet werden, fordern sie dazu heraus, die Gültigkeit der zugrundeliegenden Normen zu hinterfragen – und sei es nur für einen karnevalesken Moment.
Das Projekt untersucht die Wirkungsabsicht, die ästhetische Gestaltung und die moralischen Implikationen dieser gezielten Regelbrüche und nimmt dabei auch die Rolle des tatsächlichen oder intendierten Publikums in den Blick.
