Griechische und lateinische Philologie
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Jan Stenger

Prof. Dr. Jan Stenger

Universität Würzburg, Gräzistik

Expertise

Rhetorischer Unterricht, moderne Theorien der sozialen Interaktion

Projekt im Netzwerk: „Parrhesia: Der inszenierte Regelbruch und die Ordnung des politischen Diskurses“

Parrhesia, die freimütige, kritische Rede, die negative Sanktionen in Kauf nimmt, ist eines der zentralen Konzepte der griechischen Literatur und Kultur von der Klassischen Epoche bis zur Spätantike.

Seit ihrem ersten greifbaren Auftreten in der Tragödie des fünften Jahrhunderts v. Chr. ist der parrhesia als kommunikativer Praxis die Ambivalenz zwischen der Ausübung von Freiheit und der Transgression von sozialen und kommunikativen Normen eingeschrieben.

Einerseits wird sie positiv als Akt der Freiheit des Individuums bewertet; andererseits werden die ihr eigene Schamlosigkeit und die Verletzung von etablierten Konventionen missbilligt. Die Forschung hat sich bisher darauf konzentriert, welche Grenzen der Ausübung der parrhesia in verschiedenen Zeiten und Kontexten gesetzt waren.

Davon setzt sich das Vorhaben ab, indem es den kommunikativen Akt der Freimütigkeit mit seiner Performanz in den Blick nimmt. Die potenziell Regeln und Normen verletzende Natur der parrhesia zeigt sich insbesondere in der politischen Rhetorik der attischen Demokratie.

Charakteristisch ist, dass der Regelbruch der parrhesia, das Publikum mit Tatsachen, die nicht zur Sprache kommen sollen, zu konfrontieren und damit das Wohlwollen der Hörer zu destruieren, in den politischen Reden offen ausgestellt, ja inszeniert wird. Es handelt sich um einen kalkulierten Regelbruch, der als solcher markiert wird.

Bereits die antike rhetorische Theorie konstatiert, dass dieser Verstoß auch nur vorgetäuscht sein kann und tatsächlich ein Mittel ist, die Zustimmung des Publikums zu gewinnen (Rhet. Her. 4.49f.; Quint. inst. 9.2.27f.).

Dieses Projekt wird die ‚Szenen‘ des Regelbruchs der parrhesia in politischen Reden der athenischen Demokratie untersuchen und dabei vor allem die intendierten Effekte des Verstoßes herausarbeiten.

Zum einen soll untersucht werden, wie der thematisierte Regelbruch die Rollen des Sprechers und des Publikums formt; zum anderen wird gezeigt, dass er als Vehikel dient, um den politischen Diskurs neu zu ordnen. Im Zentrum steht also die produktive Kraft des Regelbruchs.