Expertise
Rhetorische Regeln des Journalismus (Narrativität, Framing, Schreibprozesse)
Projekt im Netzwerk: „Zwischen Objektivität und Transparenz: Wie sichtbar darf die Erzählstimme in journalistischen Texten sein?“
Die Rolle des Redners, der Rednerin im Journalismus schien lange klar: Er oder sie hatte keine Rolle zu spielen. Das „ich“ in journalistischen Texten war verpönt und mit dem Verdacht unterlegt, da wolle sich jemand in den Vordergrund drängen, der doch nur Mittler sein sollte oder, schlimmer noch, seine Meinung zum Maßstab machen.
Abgrenzen wollte man sich damit insbesondere in Deutschland auch von der Funktion die ein sogenannter Journalismus im Nationalsozialismus gespielt hatte, der unverhohlen subjektive Meinungen in den Mittelpunkt stellte. Nach 1945 orientierte man sich am angloamerikanischen Modell, als Aufgabe des Journalismus galt fortan die neutrale Vermittlung objektiver Tatsachen.
Selbst für die subjektiven Genres, wie etwa die Reportage, fordern die Handbücher des Journalismus, dass die 1. Person Singular nur dann Verwendung finden sollte, wenn der Reporter oder die Reporterin eine aktive Rolle im Geschehen übernimmt, etwa in einem Selbstversuch.
Gebrochen wurde diese Regel allenfalls vom literarischen Journalismus, der die 1. Person Singular als Stilmittel und nicht als Selbstdarstellung begriff, wie etwa der New Journalism in den USA. Bis heute verwenden aber auch sehr angesehene Formate, wie die Seite 3 der Süddeutschen Zeitung, nur die dritte Person (der Reporter, die Reporterin) sofern die Autoren der Geschichte überhaupt im Text sichtbar werden.
Zugrunde liegt der Regel auch der heute naiv anmutende Glaube, Journalismus könne objektiv sein. Dies ist nicht nur aus konstruktivistischer Perspektive immer wieder in Frage gestellt worden, heute hat sich in vielen Redaktionen die Einsicht durchgesetzt, dass durch die Anordnung eines Beitrages, durch die Auswahl der Fakten und die Sprache stets ein subjektiver Faktor einfließt.
Inzwischen gibt es in der Forschung Positionen, die gerade aus Gründen der Objektivität und Transparenz fordern, die Erzählstimme in journalistischen Texten sichtbar zu machen. Und in den jungen Formaten, etwa des öffentlich-rechtlichen Kanals „Funk“, sind Ich-Erzählungen in Berichten und Reportagen weit verbreitet – die direkteren digitalen Erzählweisen haben hier eine unausgesprochene Revolution eingeläutet. Die 1. Person Singular als Erzählstimme verspricht mehr Nähe zum Publikum und soll authentischer wirken.
Das Projekt will ausleuchten, wie mehrdimensional und zeitabhängig die Folgen für Texte durch diese Regel und ihren Bruch sein können: Untersucht werden sollen journalistische Texte, die tatsächlich die Befürchtungen an den Bruch mit dieser Regel erfüllen, ebenso wie Beiträge, die durch den Regelbruch eine neue Dimension aufzeigen, die die Verfechter der Regel nicht bedacht haben.
Wie gut sind die Regel oder der Regelbruch geeignet, die demokratische Funktion des Journalismus zu stützen: Führt der Regelbruch eher zu einer gleichberechtigten Kommunikation auf Augenhöhe? Schafft die Abwesenheit der Erzählstimme eine falsche Objektivität, fördert die dadurch entstehende Distanz eine demokratisch unerwünschte Autorität im Sinne eines Verlautbarungsjournalismus?
Ist vielleicht umgekehrt die Nutzung der 1. Person Singular nur eine durch die Digitalisierung gefördert Mode, die Nähe und Authentizität vortäuscht und der Redesituation unangemessen ist? Sind solche Dimensionen in ihrer Deutung durch das Publikum vielleicht auch zeitgebunden?
Mit verschiedenen Textsorten und Textvarianten und in kleinen Experimenten soll diesen Fragen nachgegangen werden.
