Expertise
Cicero und Cicero-Rezeption
Projekt im Netzwerk: „Regelbruch in Ciceros Brutus und Ciceros Regelbrüche: Entschuldigt der ‚passende Moment‘ (aptum) alles?“
Ciceros rhetorische Werke sind neben dem des Quintilian für uns die wichtigste Quelle für unsere Kenntnis der rhetorischen Theorie in Rom. Jedoch hat Cicero sie nie im luftleeren Raum als reine Regelbücher verfasst; er wollte mit ihnen stets auch der oratorischen Praxis seiner Zeit Rechnung tragen und die Rolle von Beredsamkeit für die politische Kultur austarieren.
Wie geht er mit Regelbrüchen um? Diese Frage soll zweiteilig beantwortet werden. Einerseits nehme ich seinen Brutus unter die Lupe – die von ihm verfasste Geschichte der römischen Beredsamkeit mit Kurzporträts vieler früherer Redner.
Es soll herausgearbeitet werden, wie viele von ihnen gegen die von Cicero selbst in seinen früheren theoretischen Schriften (De inventione und De oratore) aufgestellten Regeln verstoßen und wie Cicero auf diese Regelverstöße reagiert – v.a., wenn diese Reaktion zustimmend ausfällt, da das individuelle Talent der Redner im Einzelfall eine rhetorische Untugend zur Tugend werden lassen können.
Meine Hypothese ist, dass Cicero Abweichung von der Regel oft mit der vierten Stiltugend, dem aptum („dem Angemessenen“), verteidigen kann und dass er damit eine Flexibilität zulässt, die sich aus seiner praktischen Erfahrung im politischen und juristischen Kampf des 1. Jahrhunderts v. Chr. erklärt, in dem zu starres Beharren auf Regeln kontraproduktiv sein konnte.
In einen (möglichen, aber nicht zwingend notwendigen) zweiten Schritt möchte das Projekt zusätzlich fragen, ob antike Kommentatoren von Ciceros Reden (die wir als das Corpus der Scholia Ciceroniana kennen) in Ciceros eigenen Reden eine vergleichbare Flexibilität festgestellt haben, ob also Ciceros theoretische Besprechung des Regelbruchs anderer Einfluss auf die Beurteilung seiner eigenen Reden gehabt hat.
