Griechische und lateinische Philologie
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Filippo Carlà-Uhink

Prof. Dr. Filippo Carlà-Uhink

Universität Potsdam, Alte Geschichte

Expertise

Rhetorik und (Selbst-)Darstellung (v.a. Kaiserfiguren)

Projekt im Netzwerk: Regelbruch als Form der Aushandlung in spätantiker Kaiserpanegyrik

Lobreden für spätantike römische Kaiser sind seit langer Zeit Gegenstand ausführlicher Erforschung – die Idee, es handele lediglich um Texte, die die Adressaten „schmeicheln“ möchten, ist seit einiger Zeit überholt worden und mehrere Studien haben gezeigt, dass die Lobreden im Kontext weiterer Formen der Kommunikation zwischen Herrschern und Beherrschten zu lesen sind (etwa Münzen, Inschriften usw.).

Besonders relevant ist in diesem Sinne die Tatsache, dass diese Lobreden eben nicht nur ihre Adressaten „loben“ – durch die Formulierung eines Idealmodells des guten Kaisers und die Behauptung, der Adressat würde diesem Modell entsprechen, werden dem Adressaten auch gleichzeitig die Wünsche und die Erwartungen des Sprechers und seiner sozialen und kulturellen Gruppen und es wird dadurch auch skizziert, was der Kaiser eben machen muss, um ihre Unterstützung nicht zu verlieren.

Die Panegyrik folgt aber auch klaren rhetorischen Regeln, die nach Christian Ronning als Formen der Objektivierung der Beziehung Herrscher-Beherrschten und der Idealtugenden und Idealwerte der politischen Macht zu verstehen sind. Solche Objektivierung findet in der Performanz sowie in der Poetik statt, im Rahmen eines stetigen Vergleichs zwischen dem Text und den „Formeln“ – die Autoren selber rekurrieren auf Redewendungen, die auf die Existenz von festen Regeln und Erwartungen hinweisen (etwa dicendus est).

Daher – so weiter Ronning – besteht der Wert solcher „auratischen Texte“ in ihrer „Null-Information“: die Rituale ihres Vortrags am Hof sind die Bedingung, unter der der Text dem Kontext der Austragung Bedeutung verleiht.

Und dennoch ist auch eine solche Sicht letztendlich reduktiv, denn die Panegyrik, wie sie in den Rhetorik-Handbüchern vorgestellt ist, einen Idealtyp bildet und die meisten Reden zeigen kleinere oder größere Abweichungen von den Modellen, die mehr oder minder als Regelbrüche signalisiert werden. Eben da, wo der Text dann von dem Erwarteten und dem Kanonischen abweicht, ist ein Inhalt zu identifizieren, der keinesfalls mehr als „Null-Information“ gilt.

Ziel dieses Teilprojekts ist eine systematische Untersuchung lateinischer und griechischer spätantiker Lobreden an die Kaiser aus dieser Perspektive zu liefern – jenseits der in der Forschung häufiger diskutierten Panegyrici Latini werden auch die erhaltenen Reden von Symmachus, Julian, Themistios, Libanios usw. analysiert.

In einem ersten Schritt wird auch anhand Rhetorik-Handbücher (und hauptsächlich Menander Rhetor) das „Modell“ identifiziert, den „Idealtyp“ der Lobrede an den Kaiser, um in einer zweiteren Phase die Abweichungen in den unterschiedlichen Reden zu identifizieren und zu erklären, wie sich hier die Kommunikation an den Kaiser in einer besonderen Art und Weise verdichtet.

Die Ausgangstheorie ist eben, dass diese Momente, in denen der Redner den Erwartungen den Zuhörer_innen nicht entspricht, auch Momente sind, in denen derer Aufmerksamkeit „aufgeweckt“ wird – für die Formulierung von Inhalten, die dem Sprecher besonders relevant und wichtig zu sein scheinen.